Veröffentlicht am 1. Juli 2019 von Robert Klank

Zwei Tage im Juni – das UXcamp Europe 2019

Zwei Jahre mussten wir uns in Geduld und Demut üben, denn 2018 fiel das UXcamp Europe bekanntlich aus. Doch 2019 kehrte diese großartige Veranstaltung mit neuem Organisationsteam zurück.

Natürlich war auch die zehnte Auflage vollständig und in Rekordzeit ausgebucht. Das Teilnehmerfeld war wie immer international. Sogar aus Brasilien, New York und Tokio waren Teilnehmer angereist. Und wenn selbst UX-Ikonen wie Eric Reiss, Jamie Levy oder Rolf Molich sich die Ehre geben, muss man nicht lange über einen Besuch nachdenken. Kurzum, die beste europäische Fachkonferenz zum Thema UX und Usability ist zurück.

Insgesamt gab es 99 Session, verteilt auf zwei Tage und zehn Tracks. Natürlich ist es unmöglich, auch nur annähernd alle Sessions zu sehen. Da wir mit einem ziemlich breiten Line-Up von Geschäftsführung über Projektleiter und UX-Konzepter bis zum Visual-Designer vor Ort waren, haben wir für Euch unsere persönlichen Session-Highlights zusammengetragen.

Bastian, Test your knowledge of Usability-Testing

Wenn Rolf Molich eine Session hält, muss man dabei sein. Verpackt in 15 Fragen stellte er noch einmal die Wichtigkeit von Usability-Tests heraus und testete interaktiv das eigene Fachwissen. Fast schon nebenbei räumte er am Ende noch einmal mit einem Mythos auf. Die immer propagierten fünf bis acht Tests um 75% der Probleme in komplexen Produkten zu finden, sei falsch. Nach einer von ihm durchgeführten Studie und der Erfahrung aus seinen Projekten, zog er die Maßgabe, dass dafür über 100 Tests nötig seien. Spannend wird es zu beobachten, wie sich diese Erkenntnis auf zukünftige Test-Volumina und die Mengenlehre für Usability-Tests auswirken wird. Sind wir doch alle mit dem 5-8/75% Mantra im UX Bereich aufgewachsen.

Robert, Usability Engineering in life-critical contexts

„Design won’t save the world but it damn sure makes it look good“ heißt ein typischer Branchenspruch – doch ganz so unschuldig sind Designer dann doch nicht. Erion Elmasllari illustrierte in seinem Vortrag mit verschiedenen Beispielen, wie fehlerhafte Steuerungen oder Apps zu lebensgefährlichen Situationen führen können. In Bereichen wie Medizin, Luftfahrt, Gefahrgut oder Krisenmanagement müssen Konzept und Gestaltung besondere Herausforderungen meistern. Hier hat der Bediener häufig keine Einarbeitungszeit und der Stressfaktor belastet zusätzlich. 

Nach dem Gestaltgesetz der Nähe und der Ähnlichkeit werden Elemente, die beieinander liegen sowie einander ähnlich sind, als zusammengehörig wahrgenommen. Im oberen Beispiel birgt die Gleichartigkeit jedoch Risiken: Die Elemente auf der linken Seite steuern die Beatmung zweier Patienten, während das ähnlich gestaltete Beatmungsgerät rechts nur einen Patienten versorgt. Die Steuerung erfordert vom Bediener entsprechend eine unnötig hohe Aufmerksamkeit, welche Gasgemische aktuell welchem Patienten zugeführt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Notsituationen zuvor nicht realitätsnah simulieren lassen und Interfaces dadurch schwer zu testen sind. Umso wichtiger ist es, Interfaces zu schaffen, die auch beim erstmaligen Betrachten intuitiv bedienbar sind. Offen ließ die Abschlussdiskussion jedoch, ob diese speziell für Notfälle entwickelt werden sollten oder ob man sich eher an Paradigmen aus populären B2B Apps orientiert.

Christian, Dark Patterns: How Websites or Apps trick you

Dark Patterns sind User-Interfaces oder Userflows, die sorgfältig gestaltet wurden, um bewusst Nutzer zu täuschen. In seiner Session zeigte Tim Keller, wie Unternehmen versuchen, Kunden Zusatzkäufe aufzudrängen oder ungefragt für Newsletter anzumelden. Selbst bekannte Marken tun ihr Bestes, um Informationen zu verbergen oder den Löschvorgang für Konten so kompliziert wie möglich zu gestalten. So führte Keller unter anderem vor, wie es 14 Schritte erfordert, um bei Amazon seinen Account zu löschen und man dies, am Ziel angekommen, gar nicht ausführen kann, sondern man lediglich die Information erhält, sich für den Löschvorgang beim Telefon-Support zu melden. Ein häufig angewendetes Verfahren nach der Devise “Easy to get into, but hard to get out” (Roach Motel). 

Im Prinzip geht es also bei der Anwendung der Dark Patterns darum, die zehn Usability-Regeln nach Jakob Nielsen umzukehren und genau das Gegenteil anzuwenden. Dem Nutzer soll der Weg zu einem bestimmten Ziel erschwert werden, oder es soll ihm unmöglich gemacht werden, alle Kosten von Anfang an überblicken und vergleichen zu können. Beim Abbrechen von Vorgängen soll er behindert werden, indem noch einmal das Produkt oder der Service vorstellt wird. Zudem erhalten Vorgänge wie Abbrechen oder Kündigen die negative Bezeichnung “Nein, ich möchte auf meine Vorteile verzichten”. Auch sprachliche und psychologische Tricks zählen somit zu Dark Patterns – ebenso wie der altbekannte Trick der standardmäßig aktivierten Checkbox, die dem Nutzer eine Einwilligungen aufzwingt.

Confirmshaming“ setzt den Nutzer beim Ablehnen einer Zusatzfunktion psychologisch unter Druck oder versucht Scham zu erzeugen.

Nils, Stakeholder Management

Birgit Geiberger hat in Ihrer Session “Stakeholder Management” sehr gut aufgezeigt, wie man gerade in größeren Unternehmen den vielen Projektteilnehmern und vor allem Entscheidern her wird. Wichtigster Gedanke dabei: Die Methoden und Tools, die im Rahmen des User Centered Design Prozesses für die systematische Entwicklung von Produkten oder Services angewendet werden, können auch für diese Aufgabe genutzt werden. Denn genauso wie es wichtig ist, den Nutzer und Nutzungskontext zu verstehen, ist es auch wichtig, dass Stakeholder die Gesamtheit des Projektes verstehen. Letztendlich sind die Stakeholder Nutzer in diesem spezifischen Projektkontext. Auch ihre Rollen und Einflüsse auf das Projekt müssen erfasst und verstanden werden. Auch sie treiben extrinsische und intrinsische Ziele, die ihre Aufgaben bestimmen.

Ein wesentlicher erster Schritt im Stakeholder Management ist die Strukturierung der Gruppe. Birgit Geiberger schlägt dafür als Methode eine 4-Quadranten-Karte vor (siehe Abbildung).

Understand your Stakeholders – Karte zur Strukturierung der Stakeholder in Gruppen für eine optimale Einbindung in das Projekt (Grafik nach B. Geiberger). 

Durch die beiden Parameter Interesse (Interest) und Einfluss (Influence) lässt sich in der Map sehr gut abbilden, welche Stakeholder wie in das Projekt eingebunden werden müssen. Das hilft sowohl bei der Planung als auch der Kommunikation im Projekt. 

Same procedure as every year…

Zum Schluß haben wir uns von Eric Reiss noch einmal deutlich ins Gewissen reden lassen. In gewohnt humorvoller Art und Weise erinnerte er uns an die ethische und moralische Verantwortung, die wir als UX-Designer tragen, und warnte beispielsweise vor typischen Fehlern beim Research.

Die meisten Sessions waren stark Consumer-Produkt getrieben. Hier besteht oft ein großer Unterschied zu B2B- oder Industrie-Applikationen. Wir hoffen es finden sich nächstes mehr Session-Willige, die wie wir in dieser wichtigen Nische unterwegs sind. Wir werden uns auf jeden Fall auch mit einem Talk beteiligen.

Vielen Dank an das Orga-Team, die Sponsoren und jeden, der dazu beigetragen hat, dass das UXCamp 2019 so großartig geworden ist. Wir freuen uns schon auf das elfte UXcamp Europe zu Pfingsten 2020!