Veröffentlicht am 22. August 2016 von Susanne Speh

Design- und Technologietrends 2016: Überblick über das erste Halbjahr

Was wird wieder in der Schublade verschwinden, was hat das Zeug zum Dauerbrenner? Die Hälfte des Jahres 2016 ist vorbei und wir haben in diesem Blog-Artikel einmal zusammengefasst, was uns dieses Jahr bereits an Trends und Technologien begegnet ist.

Design-Trends 2016: Smart, Fokussiert und Emotional

Antizipatorisches Design – den Nutzer vor Entscheidungsmüdigkeit bewahren

Wenn ein Mensch zu viele Entscheidungen treffen muss, dann nimmt die Qualität seiner Entscheidungen innerhalb des Entscheidungsprozesses immer stärker ab. Man ermüdet vor lauter Optionen und begibt sich in einen Zustand in dem man Entscheidungen nicht mehr rational treffen kann oder nur noch vermeidet. Diese Ermüdung des „Entscheidungsmuskels” führt dazu, dass Entscheidungen nur noch emotional getroffen werden bzw. aufgrund von Impulsen entschieden wird.

Ziel des antizipatorischen Designs ist es, Entscheidungsmüdigkeit zu verhinden und Nutzer kognitiv zu entlasten. Informationen und Inhalte werden den Nutzern vorausschauend zur Verfügung gestellt noch bevor diese aktiv danach suchen müssen. Sie sollen das positive Gefühl haben sich verstanden zu fühlen.

Ein viel genanntes Beispiel für eine der ersten Anwendungen antizipatorischen Designs ist die hilfsbereite Büroklammer „Clippy” in Microsoft Word. Amazon nutzt antizipatorisches Design um Kunden Vorschläge zu passenden Produkten zu unterbreiten. Ein weiteres Beispiel ist die Anwendung „digit”. Diese analysiert Kontobewegungen ihrer Nutzer und errechnet einen individuellen Betrag der gespart werden kann. Dieser wird dann automatisch auf ein Sparkonto überwiesen. Neben diesen Beispielen gibt es noch zahlreiche Anwendungsfälle in denen antizipatorisches Design zukünftig einen großen Mehrwert für den Nutzer darstellen kann.

Ein Beispiel dafür ist unser Projekt „Fragen beantworten, bevor sie gestellt werden”, mit dem wir bei der DB Information UX: Challenge den zweiten Preis gewonnen haben. Im Fokus des Konzeptes stehen die Kunden sowie die Servicemitarbeiter der Deutschen Bahn. In unserem Servicekonzept nutzen wir verschiedene miteinander vernetzte Kanäle um die richtigen Informationen zur richtigen Zeit zur Verfügung zu stellen. So erzeugen wir Vertrauen und das Gefühl verstanden zu werden.

Age-Responsive Design als nächster Schritt

Eine spannende Vorhersage in diesem Zusammenhang kommt vom eigens ernannten UX-Unicorn Chase Buckley. Für 2017 sieht er die Entwicklung des „Age Responsive Design”. Content passt sich danach nicht nur den Voraussetzungen des Devices, sondern auch den Voraussetzungen und den damit verbunden Bedürfnissen der Nutzer an. Damit sind neben physiologischen auch kognitive Fähigkeiten gemeint. Menschen mit wenig Erfahrungen im Umgang mit digitalen Produkten könnten eine abgespeckte Version präsentiert bekommen, deren Features ihnen bereits bekannt sind.

Grundlage für Antizipatorisches Design sind große Mengen an Metadaten. Nur wenn bekannt ist, welche Eigenschaften und Präferenzen der Nutzer hat, können Inhalte individuell passend angeboten werden. Aus Sicht des Datenschutzes und der Privatsphäre müssen Anwendung wie bspw. „digit”, die Zugriff auf private Konten hat, ihren Nutzern ein hohes Maß an Sicherheit bieten.

Complexion Reduction – weniger ist mehr

Minimalismus und die Reduktion von Komplexität bei der visuellen Gestaltung von Interfaces ist schon seit längerem als Trend zu beobachten. Michael Horton, Designer aus New York, definiert „Complexion Reduction” aber nicht als Fortsetzung dieses Trends, sondern als den neuen Trend im mobile Interface Design. Fokus der Gestaltung liegt auf der Betonung der Funktionaltäten und der gleichzeitigen Reduktion von visuellen Störfaktoren. Er definiert „Compexion Reduction” anhand folgender Gestaltungsrichtlinien:

  • Größere und fettere Überschriften
  • Einfachere und universellere Icons
  • Reduktion von Farbe

Beispiele an denen dieser Trend gut zu erkennen ist sind die Airbnb App oder Apple iTunes. Michael Horton sieht diesen Trend erst in der Anfangsphase. Seiner Auffassung nach wird sich das mobile Interface Design zukünftig stärker zu diesem Trend hin orientieren.

Complexion Reduction

Quelle: Michael Horton

Microinteractions

Microinteractions – das sind kleine aber feine Animationen mit großer Wirkung für die User Experience. Mit Hilfe dieser kleinen Details kommunizieren System und Nutzer. Auf einmal fühlt sich die Interaktion nicht mehr nur statisch an, sondern man hat das Gefühl verstanden zu werden.

Nick Babich, der für viele Online-Magazine wie u.a. Medium und Smashing Magazin schreibt, hat sich eingängig mit dem Thema Microinteractions beschäftigt. Seiner Meinung nach funktionieren Microinteractions aus Sicht des User Centered Design so gut, weil:

  • sie den Nutzer kontinuierlich begleiten und bestätigen
  • sie Feedback zum Systemstatus geben, den Nutzer leiten und ihm lehren mit dem Interface umzugehen
  • sie visuell ästhetisch Feedback geben und somit eine emotionale Beziehung zwischen Nutzer und System entstehen lassen
  • sie die Sprache der Nutzer sprechen und so eine Verbindung zwischen System und der realen Welt entsteht, in der sich der Nutzer zurechtfindet

Beispiel für Microinteractions

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Quelle: by Kirill for Tubik Studio

Microinteractions haben das Potential die User Experience von Produkten positiv zu beeinflussen. Dieser Trend wird sich ganz sicher fortsetzen und auf unterschiedliche digitale Produkte übertragen werden.

Technologie -Trends 2016: Realitäten erweitern

Artificial Intelligence – Kunst aus der Cloud

Bei dem Begriff denkt man direkt an Scince Fiction Filme und sprechende Raumschiffe. Künstliche Intelligenzen umgeben uns inzwischen aber auch in unserem täglichen Leben. Die derzeit sehr beliebte Foto-App Prisma basiert auf einer solchen künstlichen Intelligenz. Bilder werden in der Cloud zunächst von einem Algorithmus ausgewertet und dann von einer künstlichen Intelligenz (AI) nach dem gewünschtem Stil bearbeitet. Diese AI wurde im vorhinein mit Daten zu verschiedenen Kunststilen „gefüttert” und überträgt dieses erlernte Wissen nun auf die Bilder der Nutzer.

„Maschine Learning” und „Neuronale Netzwerke” sind die Grundbausteine für die Entstehung von künstlicher Intelligenz. Unternehmen nutzen diese Technologien bereits jetzt schon, um ihren Kunden das perfekte Produkt zu präsentieren. Die Firma North Face beispielsweise kooperiert seit letztem Jahr mit IBM und nutzt dessen künstliche Intelligenz „Watson” für ihren Webshop.

Für die zukünftige Entwicklung von künstlichen Intelligenzen werden von Experten große Schritte vorausgesagt. Einer davon könnte die Erkennung von Emotionen sein. Laut einer Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen KPMG vom April 2016, sollen künstliche Intelligenzen im Jahr 2029 menschliches Niveau erreicht haben. Experten fordern daher auch die ethischen Aspekte dieser Entwicklungen in die Forschung einzubeziehen.

Augmented Reality (AR)

Wer in letzter Zeit größeren Ansammlungen von Menschen begegnet ist, die ganz hypnotisch auf ihr Smartphone schauen und nicht wusste was da los war hat wohl bis jetzt unter einem Stein gehaust. Denn dafür kann es nur eine Erklärung geben – ein Pokémon Go Hotspot. Das Spiel bei dem der Nutzer kleine Tierchen mit merkwürdigen Namen sammeln muss hat das Thema Augmented Reality wieder stärker in den Fokus der Allgemeinheit gerückt.

Nintendo hat diese Technologie mit Pokémon GO schlau genutzt und damit einen riesigen Hype ausgelöst. Die Möglichkeit die Realität mit Zusatzinformationen zu Erweitern bietet einen immensen Mehrwert, der über das sammeln von Hufflepuff und Magnador hinausgeht.

Durch die Nutzung von Wearables wie Microsoft Hololens oder Google Glass werden sich Informationen zukünftig noch viel stärker mit unserer Realität vermischen. Erweiterungen um zusätzliche Sinneserfahrungen wie Geschmacks- und Tastempfinden oder Gedankensteuerung sind ebenfalls denkbar.

Anwendungen für Augmented gibt es zahlreiche. Im Moment wird AR noch am häufigsten im Entertainment- und Marketingbereich genutzt. Großes Potenzial hat diese Technologie aber vor allem auch für die Bereiche Forschung und Entwicklung sowie für die Produktentwicklung. Mit Hilfe von AR können bereits in der Vorentwicklung eines Produktes wichtige Entscheidungen getroffen werden ohne teure Prototypen bauen zu müssen. Im Prozess der Produktion können Augmented Reality Anwendungen Produktionsarbeiter mit Informationen zu Arbeitsschritten etc. unterstützen und so die Fehlerhäufigkeit verringern und gleichzeitig die Effizienz steigern.

Virtual Reality (VR)

vr-brille

Laut einer aktuellen Studie des Bundesverband Interaktive Unterhaltungssoftware (BUI) kann sich inzwischen rund jeder fünfte Internetnutzer in Deutschland vorstellen eine VR-Brille zu kaufen.

Nach relativ preisintensiven Modellen wie Occulus Rift und HTC Vive folgten neue Modelle, die für eine breitere Käuferschaft erschwinglich sind. Samsung Gear VR ist für unter 100 Euro zu haben und das Google Cardboard kostet gerade mal um die 3 Euro. Vor allem der vereinfachte Zugang zur Technologie hat das Interesse für VR-Anwendungen geweckt.

In der BUI Studie wurde auch zu Wünschen hinsichtlich zukünftiger Anwendungen gefragt. 4 von 10 Internetnutzen möchten sich mit Hilfe von Virtual Reality Reiseziele zukünftig bereits von zu Hause aus anschauen. Die Nutzung einer VR-Brille um damit Filme oder Fotos anzuschauen stand auf der Wunschliste ebenfalls recht weit oben.

Aber nicht nur im Gaming- und Entertainmentbereich ist Virtual Reality eine Zukunftstechnologie. Auch im industriellen Bereich gibt es zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten. Vor allem in der Produktentwicklung spielt VR ähnlich wie AR eine immer wichtigere Rolle. Auch für den Trainingsbereich und für Lernanwendungen bietet VR großes Potential. Beispielsweise können Operationen oder auch Unfallsituationen simuliert werden und somit bei der Aus- und Weiterbildung von Ärzten helfen.

Zusammenfassung

Die erste Hälfte des Jahres hat gezeigt, dass es vor allem im mobile Design eine starke Tendenz dazu gibt, den Nutzer vor zu viel Informationen zu bewahren und ihn dafür umso mehr mit kleinen aber feinen Animationen zu leiten und ihm die Interaktion so schmackhaft wie möglich zu machen.

Das Thema vorausschauendes Design ist und bleibt spannend und wird zukünftig ein wichtiger Wettbewerbsvorteil sein. Auch hier spielen Microinteractions eine wichtige Rolle, denn diese können das Vertrauen und das Gefühl des „verstanden werdens” zusätzlich unterstützen.

In der ersten Hälfte 2016 hat vor allem das mobile Game Pokémon GO den Fokus der Öffentlichkeit wieder auf Augmented Reality gerückt. Virtual Reality und Augmented Reality waren aber schon vor Nintendos Coup Zukunftstechnologien und werden es weiterhin sein. Denn die Möglichkeiten für Ihren Einsatz vor allem im Bereich der Forschung und Entwicklung sind vielfältig.

 

Quellen: