Veröffentlicht am 9. Juni 2017 von Bastian Ehl

Waffeln am Stiel – die große User Experience. Ein Rückblick auf das UXcamp Europe 2017

Wenn sich Austausch unter UX-Professionals anfühlt wie ein Familientreffen, dann ist wieder UXcamp Europe in Berlin. Und da es eine groooße Familie ist, waren die knapp 500 Tickets für die mittlerweile 9. Auflage der Konferenz in unter 30 Sekunden vergriffen.

Das Barcamp ist jedes Jahr der Reality Check – hier kann man sich wunderbar mit der gesamten Branche abgleichen und sich viel Inspiration abseits vom Tagesgeschäft holen. Versüßt wurde das Ganze dieses Jahr durch einen Waffel-Stand von Adobe.

Ok, eigentlich wollte Adobe sein UX-Design Tool XD vorstellen, aber als Kind aus dem Bergischen Land war ich den Waffeln hilflos ausgeliefert. Waffeln!!!

Hyper! Hyper!

Viele Sessions, deutlich mehr als sonst, beschäftigten sich mit den Rahmenbedingungen, unter den wir UX-Professionals heute agieren müssen. Dabei hat sich unsere Welt klar in zwei (befreundete) Lager getrennt: Das der UX-Dienstleister, also Freelancer und Agenturen und das Lager der UX-Mitarbeiter in Unternehmen. Beide mit unterschiedlichen Herausforderungen und Bedürfnissen.

Gerade das Thema, welche Agenturmodelle noch eine Zukunft haben, wurde in der Session von Sascha Brossmann “Doomed – the death of the agency model” leidenschaftlich und intensiv diskutiert. Zusammengefasst wurde die Zukunft der UX-Agenturen durch die Session-Teilnehmer sehr differenziert bewertet:

  • Große UX-Agenturen ab 100 Mitarbeitern verschwinden vom Markt, weil sie entweder von großen Unternehmen gekauft werden, oder weil ihnen die Geschäftsgrundlage wegbricht. Denn durch den großen Overhead können nur finanziell potente Kunden bedient werden und gerade diese schaffen sich eigene UX-Abteilungen an.
  • Mittlere Agenturen bis 100 Mitarbeiter fallen dem Brain-Drain zum Opfer und werden mit einer massiven Abwanderung von Mitarbeitern in die Industrie zu kämpfen haben.
  • Weiter bestehen bleiben kleine UX-Agenturen mit bis zu 30 Mitarbeitern, weil diese die Klein- und Mittelständischen Unternehmen bedienen, die sich keine eigenen UX-Abteilungen leisten können, bzw. nicht attraktiv genug für die nötigen Fachkräfte sind. Diese Agenturen werden aber ihr Geschäftsmodell verändern müssen und stärker in die fachliche Beratung rund um Digitale Lösungen einsteigen. Zudem wird sich das Auftragsgeschäft hin zu engen Partnerschaften mit Unternehmen verschieben.

Aber auch die Art, wie in Zukunft UX-Designer konkret an Projekten arbeiten werden und wie sich die Design-Leistung in andere Prozesse integriert, war ein wichtiges Thema. Hervorzuheben ist hier die Session “How to deal with trends, fads and constant change“ von Rupert Platz.


In ihrer Session hielt Martina Mitz mit “Diagnosis: UX Charlatans” der Branche den Spiegel vor. Ihr Punkt ist, dass ein Designer sich nicht nur mit Tunnelblick hinter seiner Gestaltung verstecken sollte, sondern das Thema User Experience sehr breit betrachten muss. Wer sich ausschließlich auf den User konzentriere, sei kein vollständiger UX-Designer. Es gelte vielmehr auch die Stakeholder rund um das Thema Business mit einzubeziehen und ihre Bedürfnisse genauso zu gewichten, wie die der Nutzer.


Mark König gab in seiner “Bullshit of Management” Session sinnvolle Führungstipps und Methoden der Konfliktvermeidung und -bewältigung, wenn Management auf Kreative trifft und umgekehrt. Dabei erläuterte er auch sehr genau, warum verschiedene Management-Level in bestimmten Situationen wie reagieren – Entscheidungen also nicht einfach willkürlich getroffen werden, wie oft behauptet. Das Problem liege hier eher darin, so Mark, dass das Management Entscheidungen in der Regel schlecht kommuniziere und dadurch dieser Eindruck entstehe.

Next up: Pushing Pixels

Aber genug der Themen für Führungskräfte und Polohemd-Kragenaufsteller. Schließlich ist das UX-Camp immer noch eine Design-Konferenz.

So erlaubte Ian Fenn Einblicke in sein im Herbst erscheinendes Buch “Designing a UX-Portfolio” und gab Hinweise, wie man seine Arbeit als UX-Designer bestmöglich präsentiert. Nur bunte Bilder sind hier auf jeden Fall nicht der richtige Weg, sondern das knackige Erläutern des gesamten Entstehungsprozesses. Anders sei die Leistung “UX-Design” für den Kunden nur schwer nachvollziehbar.

Die Sketching-Sessions waren so überlaufen, dass die Teilnehmer bis weit auf den Flur saßen. Immerhin erreichte die visuelle Zusammenfassung von Talks auf Twitter danach einen neuen Höhepunkt. ^^

Jan Dittri präsentierte Methoden für den qualitativen Research, die über das übliche Interview-Modell hinausgehen. Der Fokus lag auf kollaborativen Methoden, wie Participatory Design. Aus der eigenen Agentur-Erfahrung kann ich das nur bestätigen. Gerade mit Papier-Prototypen als kollaborative Methode zwischen Designer und Nutzer haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

Holger Eggert beendete mit seiner Session traditionell den Samstag und wagte wie immer den Blick in die Zukunft. “Future-Proofing your product” war dann auch Programm und es folgte eine wilde Reise durch mögliche zukünftige Interfaces, Machine Learning und die interessante These, dass in Zukunft der Designer nicht mehr selbst designen wird, sondern Algorithmen anleiten wird, die Arbeit für Ihn zu erledigen, also eher in ein Lehrer / Schüler Verhältnis zu treten. Ach ja, und das UX-Musical am Ende durfte natürlich auch nicht fehlen. Sing along!

Eine interessante Diskussion rund um Budget, Ethik und Relevanz entwickelte sich in der Session “Inclusive Design” von Gunnar Bittersmann. Wie wichtig hat eine barrierearme Gestaltung für den Designer zu sein? Und wie teuer ist die Umsetzung wirklich? Hier traf Wunschvorstellung auf Agenturalltag und knappe Budgets bei Auftraggebern. Abschließend war man sich aber einig, dass das Thema bei der Gestaltung eine hohe Relevanz haben muss und Auftraggeber besser sensibilisiert werden müssen, um den Sinn hinter einem barrierearmen Zugang zu ihren Produkten zu erkennen und aktiv ethische Verantwortung zu übernehmen.

Erstaunlich fand ich darüber hinaus, wie wenig Sessions sich mit den Themen Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) auseinandergesetzt haben. Es konnte wohl an diesem Wochenende noch niemand ahnen, was Apple am Montag darauf aus dem Hut zaubern würde. Das wird sich 2018 wohl deutlich ändern. Dieses Jahr hatte Ines Lindner dazu immerhin schon einen interessanten Talk am Start. Unter dem Titel “Augmented Reality as the next UI challenge” gab es einen Use-Case für eine Holo-Lens Anwendung im Industrie-Kontext.


You can drink beer

Eric Reiss gehörte wie immer der letzte Session-Slot und stellte erst einmal fest, dass das Gute an Konferenzen in Europa sei, dass man während der eigenen Talks problemlos ein Bier trinken könne. *Plopp*, Prost!

Stets unterhaltsam führte Eric unter dem Titel “Beyond the bullshit” durch die letzten 30 Jahre kreativen Schaffens und schlug natürlich einen großen Bogen zur Gegenwart. Es ging grob gesagt von Bewerbungsverfahren für Mitarbeiter in seiner Agentur, über die richtige Verwendung von Google und Research im Allgemeinen, über Produktdesign, Wissenschaft und Forschung bis hin zum traditionell eindringlichen Appell groß zu denken und mit viel Leidenschaft zu agieren und wieder zurück. Und Eric wäre nicht Eric, wenn er die vielen kleinen Momente der Designer-Lebenshilfe nicht mit seinem bitterbösen Humor garnieren und einer großen Portion Selbstironie vortragen würde. Viel gelacht, viel gelernt.

Die traurige Nachricht (fast) zum Schluss: Die altgediente Orga-Crew scheidet größtenteils aus und somit ist es aktuell nicht sicher, ob es eine weitere Auflage des Camps geben wird. Ich finde es aber sehr begrüßenswert, dass neue Orga-Freiwillige sorgfältig ausgesucht werden sollen und nicht einfach aufgefüllt wird – sehr wichtig, um den hohen Qualitätsstandard zu halten. Dafür nehme ich auch lieber ein Jahr Pause in Kauf. Wir starten aber trotzdem schon mal die Vorfreude auf 2018, sicher ist sicher.

School’s out

Inhaltlich war es das beste UXcamp, dass ich besucht habe (es dürften jetzt 5 oder 6 gewesen sein). Die enorm breite Themenvielfalt und vor allem die zahlreichen Sessions, die sich nicht wieder mit der nächsten geilen Software beschäftigten, sondern sich substantiell mit der Entwicklung von UX-Design, der Zukunft der Branche, aber auch mit der Integration in Unternehmensprozesse und dem Management von Design-Teams beschäftigt haben, zeichneten dieses UXcamp aus.

Kurz gesagt: UX-Design ist wohl endlich erwachsen geworden. ^^

Waffeln, anyone!?

PS: Ein riesiges Dankeschön an die fleißige Orga, die mal wieder einen perfekten Ablauf, eine super Location, beste Verpflegung und eine wunderbare Atmosphäre gezaubert hat.

PS2: Eine Sammlung der Slides aus den einzelnen Sessions findet ihr hier als Google Doc.