Veröffentlicht am 5. April 2017 von Danny Schott

iPad App zur Gesundheitsvorsorge und -analyse bei Pferden – HORSEvetMED

Fast vier Millionen aktive Reiter und knapp 900.000 Pferdebesitzer zeigen, dass das Pferd immer noch ein beliebtes Haus- und Nutztier in Deutschland ist. Und natürlich möchten Besitzer und Tierärzte jederzeit sicherstellen, dass es dem Tier gut geht.

Im Rahmen des interdisziplinären Forschungsprojektes “HORSEvetMED” entwickelte UCDplus ein Konzept eines Diagnose- und Therapiegeräts für die Veterinärmedizin als mobile Anwendung. Anhand von telemetrischen Sensoren werden u.a. Vitalparameter wie bspw. Temperatur und Herzfrequenz erfasst, welche über ein Gateway auf einem serverbasierten System ausgewertet werden. Abrufen kann man diese dann in einer mobilen Applikation (Tierbesitzer) oder mit Hilfe eines dedizierten Portals (Klinikverwendung). Hauptverantwortlich für den Arbeitsbereich Design war dabei unser Werkstudent Danny Schott

Gemeinsam mit den Kooperationspartnern Universität Leipzig (Klinik für Pferde), Thorsis Technologies GmbH (Magdeburg)Haynl Elektronik GmbH (Magdeburg) und Prosaani GmbH (Berlin) entstand ein komplexes Analyse- und Datenerfassungssystem, welches zukünftig für die Erhebung ganzheitlicher medizinischer Parameter bei Großtieren (zunächst Pferden) eingesetzt werden soll. Das Projekt durchlief dabei den vollständigen User-Centered-Design-Prozess.

Quelle: www.horsevetmed.de

 

 

Besondere Schwierigkeit für uns: am Ende soll die Software bzw. das Produkt verschiedene Expertenniveaus bedienen können: vom Pferdebesitzer/in über den Tierarzt/in bis hin zum Wissenschaftler/in in der Klinik. Jeder Nutzer soll den Gesundheitszustand des Tieres beurteilen können.

Analyse des Nutzungskontextes

Das Tollste an diesem Job als Designer ist es, dass man mit jedem Projekt in einem neuen Bereich eintaucht und somit stetig dazu lernt. So führte uns die erste Reise zum Projektpartner Prosaani ins idyllische Hoppegarten bei Berlin. Auf der Pferdestation berichteten uns die dort ansässigen Tierärzte von ihrem stressigen, aber zugleich spannendem Alltag. Die Beurteilung der Gesundheit der Pferde beruht in der Regel noch auf Einzelergebnissen und somit fehlt ein ganzheitliches Bild vom Gesundheitszustandes des Tieres. Eine komplexe Untersuchung ist bei einer ambulanten Diagnostik oftmals nicht möglich, da für viele Tiere nur eine kurze Untersuchungszeit zur Verfügung steht. Es muss als oftmals schnell und effizient gehen. Das Tier darf nicht allzu lange unter Stress gesetzt werden. Dies wiederum bedeutet, dass bestimmte Echtzeitwerte auf einen Blick erfasst werden müssen, aber auch die angebrachten Sensoren das Pferd nicht stören dürfen.

Die nächste Nutzergruppe trafen wir in der Veterinärmedizinischen Fakultät: das interdisziplinäre Forschungsteam der Klinik für Pferde in Leipzig. Die dortigen Tierärzte, mit unterschiedlichen Spezialisierungen, haben in ihrer klinischen Forschung ganz andere Anforderungen an das Produkt. Schwerpunkte ihrer Arbeit sind u.a. das Langzeitmonitoring eines Patienten sowie die Auswertung von komplexen Referenzdaten. Des Weiteren ist diese Gruppe besonders interessant, weil mehrere Tiere innerhalb eines Teams überwacht werden müssen.

Während unserer weiteren Recherche in der Welt der Pferdeliebhaber stießen wir auf diverse Konkurrenzprodukte, welche als Zielgruppe häufig den gemeinen Reiter ins Auge fassten. Jedoch bestärkten uns diese Mitspieler, dass wir mit der Analyse und dem Konzept genau richtig liegen. Außerdem animierte es uns, einen Schritt weiterzudenken und eine klare Zielgruppe zu definieren. In unserem späteren Konzept ist, durch die im User Research erarbeiteten Anforderungen, als ein Alleinstellungsmerkmal die erweiterbare Realität mittels Tablet-Applikation oder Smart (AR) Glasses herauszustellen.

Anhand eines Affinitäts-Diagramms wurden die Anforderungen gesammelt, sortiert und ausgewertet.

Spezifikation der Anforderungen

Die gesammelten Informationen und Daten aus der Analyse wurden nun in Form von Personas, Szenarien und Sequenzmodellen strukturiert. Am Ende entstanden sechs verschiedene Nutzergruppen, für die das zu entwickelnde Produkt auszurichten ist:

Jede Persona erhielt ihre eigene User Story, in der Anforderungen und Probleme in ihrem Arbeitsalltag zusammengefasst wurden. Egal ob Reitsportler/in, Assistent/in oder Chefarzt/in: das System muss nicht nur effizient, effektiv und zufriedenstellend sein. Vielmehr gilt es, dem oberstes Gebot der Usability in der Medizintechnik folgend, dass Bedienfehler vermieden werden sollen. Erst durch das genaue Verarbeiten der Anforderungen gelingt es, den Nutzer genau zu verstehen und konkrete Spezifikationen abzuleiten.

 

Konzeption und Gestaltung

In unserem Konzept haben wir entschieden, uns zunächst auf den praktischen Tierarzt zu konzentrieren. Diese Nutzergruppe bildet das Bindeglied zwischen dem “einfachen” Reiter und dem wissenschaftlich arbeitenden Kliniker. Er will nicht nur diagnostizieren, sondern auch therapieren und präventiv handeln können. Im nächsten Schritt wurden die gesammelten Anforderungen aus den Szenarien in Konzeptideen verpackt. Scribbeln, verwerfen, scribbeln, testen, scribbeln, … Am Ende ist ein grobes Konzept für eine mobile Applikation entstanden, welches dem Tierarzt ermöglicht, ständig und von überall verschiedene Patienten zu untersuchen. Angedacht wurde außerdem die die Möglichkeiten der Erweiterten Realität (AR) in Form einer Zusatzfunktion oder bzw. Smart Glasses zu nutzen. Somit hätte der Arzt die Hände bei der Untersuchung frei, sieht wichtige Parameter schnell auf einem Blick und kann zudem alles mobil am Tablet oder am Computer in der Praxis stationär verwalten.

Das Konzept wurde anschließend mit einem einfachen Prototypen, generiert aus Scribbles, mit den Projektpartnern getestet. Anschließend bereiteten wir einen Tablet-Prototypen auf Wireframe-Basis vor, der möglichst realitätsnah wirken sollte. Er umfasst die wesentlichen Funktionen, zeigt veränderte Werte und Parameter an und wurde schon grafisch aufbereitet.

Evaluation & Optimierung und Ausgestaltung

Die erste Version des Prototypen wurde mit Probanden, allesamt Tierärzte, der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig getestet. Hierfür wurden sieben Testaufgaben entwickelt, welche die Probanden lösen sollten. Wichtig war hierbei, dass die Testpersonen offen darüber sprechen, was sie sehen und was sie tun.

Insgesamt bestätigten die Testergebnisse unser Konzept: Die Nutzer konnten alle Aufgaben nahezu vollständig lösen und haben am Ende sogar noch fachspezifische Anregungen eingebracht. Nach dem Transkribieren half uns der Auswertungsbogen, die wenigen aufgetretenen “Usability-Fehler” herauszufiltern und letztendlich zu beseitigen.

Abschließend gingen wir in die finale Überarbeitung über und ich konnte endlich mit der visuellen Ausgestaltung beginnen. Ich denke, dass ist für jeden Designer die schönste Phase. Der letzte konzeptionelle Feinschliff erfolgte, Screendesigns und Icons wurden erstellt und definiert und zu guter Letzt wurde der Prototyp optimiert. Den zwischenzeitlichen Projektabschluss bildete eine Ergebnispräsentation und Vorführung des Prototyps beim Projektpartner Thorsis Technologies. Durch den umfassenden nutzerzentrierten Gestaltungsprozess ist eine sinnvolle und intuitive Lösung entstanden, womit sowohl die Tester, als auch die Projektpartner sehr zu frieden sind.

Das System wird jetzt im Rahmen des fortlaufenden Forschungsprojekt bis zur Marktreife weiterentwickelt.

Hier zu sehen ist das Endergebnis in verschiedenen Darstellungen der möglichen späteren Nutzung:

Dannys persönliches Fazit:

Das Praktikum ergänzte meine beruflichen Erfahrungen im Agenturgeschäft und half mir sehr bei der Orientierung im Bezug auf meine berufliche Zukunft. Ein allumfassender Durchlauf angewandter Designprozesse ist momentan nicht Bestandteil des regulären Lehrplans meines Studiums. Klassische User Research Methoden sowie Nutzer- und Zielgruppenanalysen sind ergänzende Techniken, um zielführend nutzerorientierte Produkte zu gestalten. Durch die hilfsbereiten Kollegen, professionelle Arbeitsatmosphäre sowie die interessanten Kunden hat mir mein Praktikum viel Freude bereitet. Ich freue mich auch zukünftig weiterhin Teil des UCDplus Teams sein zu dürfen.